13. November 2019

Kinderlähmung: Zwei von drei Polioviren sind weltweit ausgerottet

Keine Entwarnung – Erkrankungen durch dritten Wild-Poliovirus-Typ nehmen zu

Die gute Nachricht zuerst: Mit sehr viel Anstrengung und Ausdauer ist es gelungen, einen weiteren Erreger der Kinderlähmung (Poliomyelitis) auszurotten, den sogenannten Wild-Poliovirus Typ 3. Kinderlähmung wird durch Viren (Polioviren) verursacht. Es gibt die drei verschiedenen Wild-Polioviren WPV 1, 2 und 3. Alle verursachen das typische Krankheitsbild der Kinderlähmung. Nachdem das Wild-Poliovirus Typ 2 (WPV2) bereits 1999 ausgerottet wurde, gilt dies nun auch für den Wild-Poliovirus Typ 3 (WPV3): Die letzte Erkrankung durch das WPV3 wurde 2012 in Nigeria gemeldet. Dies gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 24.10.2019, dem Weltpoliotag bekannt. Nach den Pocken und dem Wild-Poliovirus Typ2 (WPV2) ist dies der dritte Krankheitserreger, der weltweit durch Impfungen ausgerottet werden konnte.

In Deutschland infizierte sich zuletzt 1990 eine Person mit Polio, 1992 traten noch zwei importierte Fälle auf, bei denen sich die Erkrankten in Ägypten bzw. Indien angesteckt hatten. Seitdem ist Deutschland frei von Kinderlähmung. Aber solange es noch irgendwo auf der Welt Polio-Erkrankungen gibt, ist es weiterhin nötig, überall gegen Kinderlähmung zu impfen. Zu leicht kann das Poliovirus verbreitet werden und bei einer ungeschützten Bevölkerung zu Ausbrüchen führen.

Nachdem WPV2 und WPV3 erfolgreich ausgerottet wurden, kann von den Wild-Polioviren nur noch Typ 1 die Kinderlähmung verursachen. Dieser Typ tritt derzeit lediglich in Pakistan und Afghanistan auf. Afrika ist seit 2016 frei von WPV1.

Keine Entwarnung – Zahl der Erkrankungen durch WPV1 steigt

Die schlechte Nachricht: Die Zahl der Erkrankungen, die durch WPV1 hervorgerufen werden, steigt. In diesem Jahr wurden bereits 88 Fälle (Stand 15.10.2019) gemeldet, davon 72 in Pakistan. Das sind mehr Fälle als in den letzten drei Jahren zusammen.

Mutiertes Impfvirus verursacht ebenfalls Kinderlähmung

In sehr seltenen Fällen verursachen veränderte Impf-Polioviren ebenfalls Kinderlähmung. Vereinzelt treten Ausbrüche mit diesem veränderten Impfvirus dort auf, wo nicht ausreichend geimpft wird. Um Erkrankungen durch Impf-Polioviren zu vermeiden, gilt seit 1998 in Deutschland die Empfehlung, einen inaktivierten Impfstoff (IPV) für die Impfung zu nutzen, bei dem kein solches Risiko besteht. 

Überwachung möglicher Polio-Fälle

Neben genügend hohen Impfraten ist auch die Erfassung möglicher Polio-Fälle wichtig. Nur ein kleiner Teil der der Personen, die sich angesteckt haben entwickelt überhaupt Krankheitszeichen:  Vier bis acht Prozent zeigen dabei nur Symptome wie beispielsweise Übelkeit, Durchfall, Fieber, Hals- und Kopfschmerzen. Zwei bis vier Prozent erkranken an einer Hirnhautentzündung, ohne dass eine Lähmung eintritt. Bei einem von 100 bis 1.000 Erkrankten kommt es zu den typischen schlaffen Lähmungen, die sich meistens nicht vollständig zurückbilden.

Um mögliche Polio-Fälle zu erfassen, werden in Deutschland auftretende schlaffe Lähmungen auf ihre Ursache untersucht. Zusätzlich wird derzeit auch ein Überwachungssystem für das Abwasser entwickelt, um Polioviren, die dort über den Stuhl hingelangen, nachweisen zu können.

Weitere Informationen:

Epidemiologisches Bulletin 43/2019 (Robert Koch-Institut):
https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2019/Ausgaben/43_19

Weltgesundheitsorganisation (WHO):
https://www.who.int/news-room/feature-stories/detail/two-out-of-three-wild-poliovirus-strains-eradicated